USA8990: 2. Monatsbericht (1.9. bis 30.9.1989)

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USA Flagge

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"Hi, how are you doing today ?", oder auf gut schweizerisch, "grüezi, wie gahts ?"
Gut zwei Monate sind wir nun unterwegs, uns und unserem Joker geht es nach wie vor bestens. Wir hoffen sehr, dass Ihr das gleiche von Euch behaupten könnt !


Kanada:

Nach dem Ausflug auf den "Whiteface Mountain" bei "Lake Placid" haben wir uns auf den Weg Richtung Montreal gemacht. Während der Fahrt nordwärts goss es wie aus Kübeln, der Grenzübergang nach Kanada verlief problemlos. Etwa dreissig Kilometer südlich von Montreal logierten wir auf einem schönen Campingplatz. Schon am nächsten Tag präsentierte sich die Stadt von ihrer sonnigen Seite. Wir verbrachten insgesamt fünf Tage in Montreal, dabei besuchten wir unter anderem das Villenviertel, das am Südhang des "Hausberges" der Stadt liegt. Die prächtigen Herrenhäuser sind von wunderschönen Stein- und Blumengärten umgeben. Der botanische Garten wird als der "drittschönste der Welt nach London und Berlin" angepriesen. In der Tat ist die frei zugängliche Anlage fantastisch. Besonders gefiel uns der "japanische Garten", eine kunstvolle Kombination von Pflanzen, Wasser und Steinen, arrangiert von einem japanischen Gartenarchitekten. Schliesslich besuchten wir auch das Olympiastadion, das immer noch im Bau ist, obwohl die Olympiade bereits 1980 hier statt gefunden hatte. Als besondere Attraktion gilt der schiefe Turm, der schräg über das Stadion ragt, welches mit einem Stoffdach, das entfernt werden kann, bedeckt ist.

Skyline von Montreal
Stadtzentrum von Montreal
Olympiapark mit charakteristischen, dreieck-förmigen Bauten
Blick vom Stadion auf das Olympische Dorf

Am 6. September fuhren wir entlang des Lorenz Stromes von Montreal nach Quebec, genannt "das Paris Nordamerikas" und Zentrum der französischen Kultur in Kanada. Quebec ist auf dem amerikanischen Kontinent die einzige Stadt nördlich von Mexico City mit einer Stadtmauer. Auch sonst ist sie in mancher Beziehung eine "europäische" Stadt, unter anderem sahen wir hier zum erstenmal auf unserer Reise Strassencafes. Obwohl es uns in Quebec sehr gut gefiel, hatten wir nun genug von Grossstädten, wir machten uns am 8. September wieder auf den Weg in die USA. Der Grenzübertritt erfolgte auch diesmal problemlos.

Schlossartiges Hotel
Grand Hotel in Quebec

Acadia National Park:

Die folgenden Tage verbrachten wir im "Acadia National Park" im Staat Maine. Die Insel im Atlantik wurde ursprünglich von den Indianern bewohnt, die Engländer hatten sich hier zu Beginn der Eroberung der USA niedergelassen. Heute steht ein grosser Teil der Insel unter Naturschutz. Am Sonntag besuchten wir die felsige Küste, wo hunderte von Amerikanern das faszinierende Spiel der Brandung verfolgten. Dabei musste der eine oder andere mit nassen Kleidern nach Hause, weil er die Höhe der Wellen unterschätzt hatte. Wie wir erst später erfuhren, waren an dem Tag die Wellen aussergewöhnlich hoch, sogar in den Zeitungen wurde von diesem Naturschauspiel berichtet ! An zwei Abenden fuhren wir zu einem Teich, wo wir Biberbauten gesehen hatten. Ab siebzehn Uhr bis zum Eindunkeln konnten wir die fleissigen Nager beobachten. Wir hockten stundenlang regungslos am Ufer, die Tiere befanden sich kaum zehn Meter von uns entfernt. Sie raspelten unermüdlich die Rinde von den Ästen, dazwischen drehten sie lautlos einige Runden im Teich, als wollten sie sich uns präsentieren.

Bucht an der Atlantikküste mit rundgeschliffenen Steinen und grossen Wellen
Riesige Wellen schleifen die Steine an der Küste rund
Schwimmender Biber
Biber im Acadia NP
Waschbär auf Baum bei Nacht
Waschbär im Acadia NP

New Hampshire:

Die Tage vom 12. bis 14. September verbrachten wir in der Umgebung des "Mount Washington" im Norden des Staates New Hampshire. Auf diesen knapp zweitausend Meter hohen Berg führt eine Passstrasse. Wir trauten unseren Ohren nicht, als man uns mit unserem Joker nicht auf dieser Strasse fahren liess, weil dieser mickrige Hügel zu steil sei für unseren Camper. An diesem Tag fiel noch oft der Satz: "Die Amis haben ja eine Meise !" Doch am nächsten Tag schlugen wir erbarmungslos zurück und erklommen den "Mount Washington" in gut drei Stunden, zu Fuss, wohlverstanden ! Die haben wirklich eine Meise, die am "Mount Washington" ... Dafür begegneten uns am Abend auf unserem Campingplatz zwei niedliche Waschbären. Die neugierigen Tiere zeigten überhaupt keine Angst vor uns und schnupperten sogar an Reto's Füssen.

Dicht bewaldete Hügelzüge mit gerodeten Skipisten
Blick vom Mount Washington auf ein benachbartes Skigebiet

Das darauffolgende Wochenende verbrachten wir zusammen mit Bill und Boo in Merrimack. Wir machten verschiedene Ausflüge, da es aber fast ununterbrochen regnete, sassen wir leider vorwiegend im Auto. Trotz des Regens war es fast dreissig Grad warm. Wenn es nicht regnete, herrschte eine unerträgliche Feuchtigkeit. Dieses Wetter verdankten wir dem Hurrikan "Hugo", der zuerst bei Puerto Rico und dann an der Ostküste bei Charleston, South Carolina verheerende Verwüstungen angerichtet hatte. "Hugo" war das Gesprächsthema Nummer eins, jederman sprach von diesem lausigen Wetter, "Hugo" war an allem schuld ...
"Hugo" zum Trotz entschlossen wir uns am Montag, Richtung "Cape Cod" zu fahren. Den Nachmittag verbrachten wir in Boston. In der Stadt herrschte eine seltsame Athmosphäre, zwischen den Wolkenkratzern lagen dichte Nebelschwaden, die Wände der Glaspaläste verschwanden einfach in der weissen Suppe, die obersten Stockwerke waren nicht zu erkennen. Am Dienstag erreichten wir das Ende der langezogenen Insel. Das Wetter war wieder etwas besser, die Saison aber vorüber. Im Sommer soll es hier nur so von Touristen wimmeln, doch jetzt war im Städtchen "Provincetown" nicht mehr viel los. Wir standen an der Ostküste der Insel und schauten über den Atlantik. Dort wo Himmel und Wasser zusammenkommen liegt Europa. Heimweh ? Nein, überhaupt nicht, die Reise hat ja erst begonnen ...

Reto, Susanne, Cheryl und Bill im Garten
Reto, Susanne, Cheryl und Bill

Am Freitag kehrten wir nach New Hampshire zurück, am darauffolgenden Tag fuhren wir mit Bill und Boo zur Küste, aber es regnete wieder fast ununterbrochen. Am Sonntag herrschte dafür strahlender Sonnenschein. Wir besuchten Ray Pfau, einen weiteren ehemaligen Arbeitskollegen von Reto. Ray war vor einem Jahr bei uns in der Schweiz zu Gast, nun wollten wir seine Familie kennenlernen. An diesem Wochenende wurde in seinem Wohnort ein Dorffest veranstaltet. Es wurden Tiere, selbstgebackene Kuchen, Gemüse und Handarbeiten aller Art ausgestellt. Daneben fanden verschiedene Wettbewerbe statt, zum Beispiel wurden die reichhaltigsten Gemüseplatten, die grössten Kürbisse, die schönsten Schafe und vieles mehr prämiert. Besonders beeindruckt hatte uns ein "Contest", bei dem zwei Ochsen einen 4500 kg schweren Schlitten ziehen mussten. Am Montag besuchten wir Ray und seine Mitarbeiter im Büro, am Abend gingen wir zusammen Nachtessen. Den nächsten Tag verbrachten wir in Boston, diesmal zeigte sich die Stadt von einer sonnigeren Seite. Am Abend traffen wir uns nochmals mit Bill und Boo, sie überbrachten uns die Post, die endlich eingetroffen war.

Ray am County Fair
Ray
See im Vordergrund, altes Backsteingebäude im Hintergrund
"The Mill" - Hauptsitz der Firma DEC, Reto's ehemaliger Arbeitgeber
Ochsen mit Betongewichten beladenem Schlitten
Gewichtziehen mit Ochsen
Farbenfrohe Platte mit frischem Gemüse
Prämierte Gemüseplatte

An diesem Abend fragte uns Bill, was nun anders sei in Amerika, verglichen mit unserer Heimat ? Wir schauten uns an und lachten: "Brot !" war das erste, was uns in den Sinn kam. In den USA ist das Brot fast immer weich und schwammig, ohne Toaster ist man hilflos verloren. Ungetoastetes Brot klebt immer am Messer, wenn man versucht, Butter darauf zu streichen. Aber auch das Frühstück ist sehr verschieden, in den Staaten gibt es neben Rührei und gebratenem Speck "Bagels", "Donuts" und "Rolls", im Fett gebackenes, süsses Gebäck. Ein so schweres Frühstück halten unsere Schweizer Mägen nicht aus. Auch das Einkaufen in den riesigen Supermarkets ist ein Abenteuer. Wir stehen jeweils vor den endlosen Gestellreihen und sollten zum Beispiel Milch einkaufen. Aber welche der dreissig Sorten ist nun die, die wir suchen ? Schon einige Male glaubten wir, das Richtige gefunden zu haben. Die böse Ueberraschung kam jedoch beim Auspacken, wenn wir feststellen mussten, dass das Produkt alles andere war, als das, was wir gesucht hatten. Die Etikette mit der chemischen Zusammensetzung der Lebensmittel ist meist mehr verwirrend als hilfreich und mit dem Wörterbuch wollen wir auch nicht einkaufen gehen. Ein weiterer Unterschied liegt im Verhalten der Leute: wenn die Amerikaner etwas interessiert, dann kommen sie auf uns zu und fragen ungeniert. Auf den Campingplätzen werden wir oft angesprochen, woher wir kämen und ob wir mit unserem Joker zufrieden seien. Im Gegensatz zu ihren "fahrbaren Einfamilienhäusern" finden sie unseren "Mini-Van" nett und handlich, besonders beeindruckt sind sie jeweils von unserem Heckträger mit den vier Reservekanistern.


Westwärts:

In der zweiten Novemberwoche wird Hermann Müller, unser Freund aus München, an einem Symposium von DEC in Anaheim, Los Angeles, teilnehmen. Wir wollen ihn dort treffen und haben deshalb eine Reiseroute zusammengestellt, die uns bis zum 8. November via "Badlands", "Rocky Mountain National Park", "Bryce Canyon", "Zion National Park","Grand Canyon" und Las Vegas nach Los Angeles bringen soll. Am 27. September haben wir uns auf die über 7000 km lange Reise gemacht. In Albany liessen wir uns von der Polizei nachträglich noch einen Rapport, wegen der aus unserem Joker verschwundenen Gegenstände, erstellen, am nächsten Tag erreichten wir die Niagara Fälle. Wieder hatten wir einen bilderbuchschönen Herbsttag. Seit Hurrikan "Hugo" seine Energie verpufft hatte, herrschte wieder wunderschönes Wetter, allerdings war die Temperatur um mindestens fünfzehn Grad gefallen, so dass es vorallem abends empfindlich kühl wurde. Sozusagen über Nacht ist es Herbst geworden. Wir bewunderten die Wasserfälle von der amerikanischen und der kanadischen Seite. Sie sind zwar ganz schön, aber so spektakulär, wie wir sie uns vorgestellt hatten, waren sie doch nicht.

Blick auf die stiebenden Niagarafälle
Niagarafälle

Am 29. September haben wir unsere grossen Reise in den Westen fortgesetzt. Bis zu den "Badlands" in South Dakota liegen 2400 km Autobahn und die Staaten Pennsylvania, Ohio, Indiana, Illinois, Wisconsin und Minnesota vor uns. Während Reto diese Zeilen in unseren tragbaren Personalcomputer tippt (Reto kann nicht ein Jahr ohne Computer sein), lenkt Susanne den Joker über den Highway Nummer 90 durch die Prärie von Minnesota, der untergehenden Sonne entgegen.

Altes Schulhaus aus Holz mit kleinem Glockenturm
Schulhaus
Schild mit Aufschrift: 1880 Town; Dakota Territory; Elevation 2391 Fuss; Population 170 ghosts, 9 cats, 3 dogs, 3905 rabbits
Einwohnerstatistik
Häuserreihe einer verlassenen Stadt
Geisterstadt in Dakota
Sonnenuntergang über der Prärie
Sonnenuntergang über der Prärie des Mittleren Westens

Wie wir den Weg von "Rapid City" nach "Los Angeles" überstanden und was wir in den dreizehn "National Parks" und "National Monuments" erlebt haben, erfahrt Ihr im nächsten Bericht ...


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Copyright © 1989-2009 Reto und Susanne Ambühler-Hauenstein - Alle Rechte vorbehalten.
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Produktionshinweis: Alle Bilder wurde mit einer Minolta 7000AF unter Verwendung verschiedener Kodak-Filme als Dia gemacht. Anschliessend haben wir die Bilder mit einem Canon Scanner digitalisiert und mit Microsoft Image Composer nachbearbeitet.


usa8909.html (überarbeitete Version) / 22-Apr-2009 (ra) / reto ambühler